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Keine Spur von Menschlichkeit

Überlebende des Ghetto Minsk trifft Nidderauer Schüler

Frida Raismann war noch nicht einmal sieben Jahre alt, als ihre Kindheit jäh beendet wurde. Heute ist sie fast achtzig und kann sich an alles erinnern, als wäre es gestern gewesen. Mindestens hundert möchte sie noch werden, „damit ich allen alles erzählen kann“. Und erzählen will Frida Raismann, vor möglichst vielen Leuten immer wieder aus ihrem Leben berichten, damit sich so etwas nicht wiederholt. Heute nimmt sie die Neunt- und Zehntklässler der Bertha-von-Suttner-Schule mit auf eine Zeitreise an einen Ort, an dem der Schrecken des Naziterrors sie heimsuchte, als sie noch ein kleines Mädchen war. Im Juli 1941 wurden im historischen Teil des Zentrums der weißrussischen Hauptstadt Minsk auf einer zwei Quadratkilometer großen stacheldrahtumzäunten Fläche rund 60.000 Juden zusammengepfercht. Es gab kein Wasser, keine Kanalisation, die Lebensmittelversorgung war katastrophal. Nur die zur Zwangsarbeit Verpflichteten durften das Ghetto verlassen, Pogrome, Razzien und willkürliche Erschießungen waren an der Tagesordnung. Als sei es gestern gewesen, erinnert sich Frida Raismann an die Toten, die auf der Straße lagen, von Sonderkommandos eingesammelt wurden und in der „Grube“ bestattet wurden, heute ein Mahnmal, die „Jama“. Sie erinnert sich an den Hunger, der allgegenwärtig war, zweihundert Gramm Brot erhielt jeder registrierte Bewohner pro Tag. Und sie erinnert sich an den Tag vor 71 Jahren, den 29. Januar 1943, als ihr sechzehnjähriger Bruder in seiner Kolonne auf dem Weg zur Zwangsarbeit erschossen wurde. Verhungert, verbrannt, in mobilen Gaswagen ermordet, in die Luft gesprengt, erschossen - zwei Jahre und vier Monate existierte das Ghetto, bevor man es mangels Bewohnern auflöste. Wem die Flucht zu den Partisanen nicht gelungen war oder wie Frida Raismann von der Minsker Bevölkerung gerettet wurde, fiel den zahlreichen Liquidierungsaktionen der Deutschen zum Opfer. Und weil die Erinnerung trotz der langen Zeit so frisch und lebendig, die Stimme der Zeitzeugin so klar und ihre Worte trotz der fremden Sprache so berührend sind, ist die Betroffenheit bei den Jugendlichen in der Aula der Suttner-Schule fast mit Händen zu greifen. Davon zeugen die Fragen, die die Schülerinnen und Schüler im Anschluss an Frida Raismanns Vortrag stellen dürfen. Was ihr trotz des immerwährenden Schreckens Hoffnung gemacht habe, wie das Alltagsleben gewesen sei, ob sie in all der Zeit wenigstens eine Spur von Menschlichkeit bei den Bewachern erlebt habe. Für die Beantwortung der letzten Frage lässt sich Frau Raismann ungewohnt viel Zeit. Mehrere lange Augenblicke spürt sie schweigend ihren Erinnerungen nach, bevor sie leise, fast bedauernd erwidert: „Nein, im Ghetto nicht.“ 1935 in Minsk geboren, ist Frida Raismann eine der wenigen Überlebenden des Ghettos der weißrussischen Hauptstadt. Sie gehört zu einer Gruppe von Zeitzeugen, die das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk sowie die Stiftung Erinnerung, Verantwortung Zukunft aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktags am 27.1.2014 in die deutschen Städte eingeladen haben, von denen 1941 und 1942 Deportationen nach Minsk ausgingen. Am 11./12. November 1941 wurden aus Frankfurt am Main über 1.000 Menschen jüdischen Glaubens in das Ghetto Minsk deportiert, die größtenteils vorher in Gemeinden des Frankfurter Umlandes lebten. Bis auf elf Personen wurden alle Deportierten im Ghetto oder im Vernichtungslager Trostenez ermordet.

S. Falk, 29.01.2014
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